Pressemitteilung vom 24.06.26: Die Anforderungen wachsen – Die Zeit pro Kind nicht
Saarlouis, 24.06.26
Pressemitteilung: Die Anforderungen wachsen – Die Zeit pro Kind nicht
Zum Ende eines erneut herausfordernden Schuljahres richtet der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) den Blick auf eine bildungspolitische Stellschraube, die in vielen Debatten zu wenig Beachtung findet: die Größe der Lerngruppen.
„Von Schule wird heute mehr erwartet als jemals zuvor. Lehrkräfte sollen individuell fördern, differenzieren, Inklusion umsetzen, Sprachförderung leisten, Demokratiebildung stärken, Medienkompetenz vermitteln, Bildungsrückstände aufarbeiten und immer häufiger soziale und emotionale Problemlagen auffangen. All das sind wichtige Aufgaben. Das Problem ist jedoch: Die dafür verfügbare Zeit pro Kind ist nicht mitgewachsen“, erklärt der Landesvorsitzende Dominik Schwer. Schule ist eine zentrale Schnittstelle unserer Gesellschaft. Immer mehr Aufgaben und Herausforderungen laufen hier zusammen.
Dass Schulen zunehmend gesellschaftliche Aufgaben übernehmen, ist nachvollziehbar und entspricht ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag. Gleichzeitig darf daraus nicht die Erwartung entstehen, dass sie immer neue Anforderungen bewältigen können, ohne dass die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Denn während das Aufgabengebiet in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist, hat sich an einer Größe wenig verändert: der Anzahl der Schüler:innen, die eine Lehrkraft gleichzeitig betreut.
Grundschulen
Die in den letzten Jahren gewachsenen Anforderungen und Aufgaben werden bereits in den Grundschulen deutlich sichtbar. Gleichzeitig gilt ein Eingangsklassenteiler von 25 Schüler:innen vielerorts als gesetzt, obwohl er nicht verbindlich festgeschrieben ist. Besonders irritierend ist, dass die Debatte über Klassengrößen fast ausschließlich für die erste Klassenstufe geführt wird – als würden pädagogische Herausforderungen mit dem Wechsel in Klasse 2 plötzlich geringer werden. Hinzu kommt, dass frühere Entlastungsregelungen für Schulen mit besonderen Herausforderungen an Bedeutung verloren haben: Früher konnten Standorte mit einem hohen Anteil von Kindern mit erhöhtem Sprachförderbedarf oder anderen besonderen Belastungen von unterstützenden Maßnahmen profitieren. Die jetzige pauschale Regelung behandelt jedoch sehr unterschiedliche Ausgangslagen weitgehend gleich. Dabei benötigen gerade die Schulen, die vor den größten Herausforderungen stehen, mehr Zeit, mehr Personal und kleinere Lerngruppen. Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht durch gleiche Bedingungen für alle, sondern durch passgenaue Unterstützung dort, wo die Herausforderungen am größten sind. Auch die Verweilerproblematik zeigt, wie eng die Spielräume inzwischen geworden sind. Ob ein Kind mehr Zeit zum Lernen braucht, sollte eine pädagogische Entscheidung sein und keine Frage der Klassenbildung oder Personalplanung. Für den SLLV ist klar: Langfristig sollte keine Grundschulklasse mehr als 20 Schüler:innen umfassen.
Gemeinschaftsschulen
Auch die Gemeinschaftsschulen stoßen mit den bestehenden Rahmenbedingungen zunehmend an ihre Grenzen. Der reguläre Klassenteiler liegt weiterhin bei 29 Schüler:innen, lediglich Ganztagsschulen dürfen in ihren Eingangsklassen mit einem Teiler von 25 planen. Bereits jetzt erwarten manche Gemeinschaftsschulen voll besetzte Eingangsklassen. Lehrkräfte sollen Kinder mit sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen individuell fördern, Sprachdefizite ausgleichen, Inklusion umsetzen oder Berufsselbstkonzepte stärken. Die notwendigen Voraussetzungen fehlen häufig – Viele Klassenräume sind bereits für die bestehenden Lerngruppen zu klein. Zusätzliche Unterstützung durch Doppelbesetzungen, Schulsozialarbeit oder Förderschullehrkräfte steht vielerorts nur eingeschränkt zur Verfügung. Multiprofessionelle Teams scheitern an fehlendem Personal, Zeit und Strukturen, um dieses Konzept tatsächlich mit Leben zu füllen. Guter Unterricht, individuelle Förderung und erfolgreiche Differenzierung auf allen Leistungsniveaus werden dadurch zunehmend zur pädagogischen Herkulesaufgabe.
Förderschulen
Förderschulen arbeiten heute mit einer Schülerschaft, deren Unterstützungsbedarf in vielen Fällen höher ist als noch vor drei Jahrzehnten. Gleichzeitig beruhen die Personalschlüssel auf Annahmen aus den 1990er Jahren. Die Förderbedarfe werden komplexer, die Zahl der Kinder mit multiplen Beeinträchtigungen oder herausforderndem Verhalten nimmt zu. Viele Schüler:innen benötigen intensive Unterstützung, eine engmaschige pädagogische Begleitung und verlässliche Beziehungsangebote, um überhaupt erfolgreich lernen zu können. Gerade bei Kindern mit Förderbedarf entscheidet die Qualität der pädagogischen Beziehung darüber, ob Förderung gelingt oder scheitert. Wer die Ziele der neuen Förderschulverordnung ernst meint, muss auch die personellen Voraussetzungen dafür schaffen. Gute Förderung entsteht nicht durch Verordnungen allein, sondern durch ausreichend Zeit für die Kinder, die sie am dringendsten benötigen.
Kleinere Klassen lösen nicht alle Probleme. Aber sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass viele andere Lösungen überhaupt wirken können. Wer individuelle Förderung, Inklusion, Sprachbildung und Beziehungsarbeit ernst meint, muss Lehrkräften vor allem eines geben: mehr Zeit pro Kind. Darum geht es letztlich bei der Frage der Klassengröße.
„Der heutige Schulalltag verfügt über nicht mehr Zeit als in der Vergangenheit, ist dennoch stärker denn je durch zusätzliche Aufgaben verdichtet. Eine Entzerrung über kleinere Klassenteiler würde hier notwendige Gestaltungsspielräume eröffnen und die pädagogische Qualität nachhaltig unterstützen. Die Erwartung, mit Rahmenbedingungen von gestern die Herausforderungen von heute zu bewältigen, ist schlicht unrealistisch“, so abschließend der SLLV-Landesvorsitzende Dominik Schwer.
Die Pressemitteilung im PDF-Format: 2026 – 06 – 24 Die Anforderungen wachsen – Die Zeit pro Kind nicht
