„Schule von morgen“ Von Demokratieförderung und Nachhaltigkeitszielen
„Learning by Doing“ – ein alter Hut, könnte man sagen, das Prinzip hat dennoch bis heute nicht an Bedeutung verloren. „Lernen durch Handeln“ sollte mehr denn je Anwendung finden, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Plädoyer für Veränderung.

Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs), Quelle: https:// www.bra.nrw.de/system/files/2021-01/ziele_g.png
Unser Schulalltag ist heute geprägt von den technischen Herausforderungen wie KI, von Inklusion, Integration von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung, Fake News und Desinformationen, Respektlosigkeiten, Gewaltszenen. Darüber hinaus müssen wir uns mit dem Mangel an sprachlichen, fachlichen und sozialen Kompetenzen unserer Schülerschaft auseinandersetzen. Bestimmte Verhaltensweisen, Tugenden oder Werte wie Respekt und Toleranz können nicht mehr als gegeben angesehen werden. Die To-do-Liste an Aufgaben und Problemstellungen könnte endlos weitergeführt werden. Gleichzeitig ist unser Ziel, junge Menschen in ihrer Bildung voranzubringen, sie zu unterstützen – für ihren späteren Lebensweg, ihren zukünftigen Beruf, als Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft. Alles ist im Wandel und die aktuellen gesellschaftlichen und damit auch schulischen Herausforderungen sind enorm.
Schule als System ist ein starres Konstrukt, das sich seit über 100 Jahren nicht wirklich verändert hat. Wir versuchen zwar, neue Lehr-/Lernkonzepte einzubringen, das System jedoch bleibt gleich. Diese Konzepte sind Ideen und Impulse – mal besser, mal schlechter. Das Schulsystem gerät ins Wanken, so stellt dies ebenso der Pisa-Chef Andreas Schleicher fest. Es fehlt eine Transformation des Systems. Mehr denn je ist ein Umdenken gefragt. Passende Reformansätze gibt es seit über 100 Jahren, so wie vom amerikanischen Pädagogen und Philosophen John Dewey und seinem Ansatz „Lernen durch Handeln“. Kommunikation, Partizipation und Kooperation sind in der Erziehung und Bildung für Dewey unerlässlich, damit sich junge Menschen verwirklichen und voll entfalten können (vgl. Knoll 2018, 705). Des Weiteren ist für ihn Demokratie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung (vgl. Dewey, 1916/1980, 93). Demokratie muss in logischer Konsequenz in allen frühen Sozialisationsformen gelernt werden, Schule stellt dabei mit einen der wichtigsten Orte dar. Sie bedeutet Gemeinschaft im Kleinen, sich sozial verhalten und in dieser Gemeinschaft müssen Normen oder Verhaltensweisen für die Gemeinschaft im Großen nicht nur vorbereitet, sondern auch vollzogen und als etwas Positives erlebt werden. Die Schülerinnen und Schüler sollten früh lernen, Widersprüche und die Gegenrede anderer auszuhalten oder die Stimme gegen Unrecht und Unwahrheiten zu erheben.
Wieso gehen wir davon aus, dass z. B. durch eine Klassensprecherwahl demokratisches Denken und Verhalten gelernt wird? Wie wollen wir geschichtliche oder politische Themen vermitteln, wenn dieser Unterricht nur bruchstückhaft (je nach Schulform) ab der 7., 8. Klasse stattfindet? Der erste mündige, demokratische Akt ist dann oft der Gang zur Wahlurne – wenn er überhaupt passiert. Nehmen wir wirklich an, dass so Demokratie funktionieren kann?
Nach Deweys Vorstellung soll Schule anschaulich sein, es geht nicht um das „Pauken“ von Lerninhalten, sondern es werden Situationen kreiert und Probleme behandelt, die die Lernenden selbst bearbeiten und lösen. Junge Heranwachsende motivieren sich dann durch Lebensnähe, weil sie auch „im Kleinen“ Dinge erlernen, die sie persönlich weiterbringen. Lernen durch Erfahrung, Lernen, mit den Dingen des Lebens umzugehen, und fast nebenbei die erforderlichen Grundlagen wie Rechnen, Schreiben und Lesen erwerben.
Genau hier muss Schule im Jahr 2025 endlich ansetzen: Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen können dabei eine Grundlage bilden, sie können Orientierung geben, was Lernen durch Handeln im Unterricht bewirken kann. Demokratie ist nicht nur eine Regierungsform, denn Ökonomie, Ökologie, Politik und Gesellschaft müssen im Einklang sein. Die Politik ist hier gefragt, Gesellschaft nicht zu spalten, auf die Bedürfnisse von Arbeitnehmern und Arbeitgebern einzugehen und gleichzeitig der Umwelt nicht weiter zu schaden. Die Nachhaltigkeitsziele vereinen diese Überlegung.
Der Unterrichtsraum muss freier werden, das heißt nicht, dass wir kein Wissen vermitteln oder wieder mal etwas tun, um es einfach nur gemacht zu haben. Der Unterricht kann vielmehr „offener“ gestaltet werden, ohne dass Kenntnisse verloren gehen, und man kann trotzdem einen Leistungsnachweis erstellen. Dies lässt sich alles mit etwas Kreativität kombinieren.
So wäre ein prämiertes Beispiel aus der Praxis, einen Kulturboulevard zu gestalten. Im Rahmen eines fächerübergreifenden Unterrichts gestalten Schülerinnen und Schüler diesen Boulevard im Schulflur. Dabei setzen sie sich kreativ mit ihrer Muttersprache und Zweit-/Fremdsprache, mit kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten auseinander oder vergleichen ihre Heimatländer mit Deutschland. Lernende mit der Muttersprache Deutsch können sich ein Land ihrer Wahl zum Vergleich aussuchen oder den saarländischen Dialekt mit einem anderen vergleichen. Die Ergebnisse werden in Form von Plakaten, Collagen oder anderen kreativen Produkten präsentiert und ausgestellt. Die Arbeit wird als alternativer Leistungsnachweis gewertet. Die Schülerinnen und Schüler setzen ihre eigenen Schwerpunkte, sie gestalten die Plakate auf ihre individuelle Art und Weise. Dadurch wird deutlich, dass die Schule kein trister, sondern ein bunter und vielfältiger Ort ist. Dies eignet sich besonders für Klassen mit hohem Anteil an mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern, es fördert die Wertschätzung aller Sprachen und Kulturen, Schule wird als lebendiger, vielfältiger Lernort erlebbar. Die Schülerschaft lernt voneinander innerhalb der Klasse, aber auch durch die Präsentation im Schulflur. Mündigkeit, Selbstwirksamkeit und die eigene Identität werden hierbei herausgestellt.
So kann ebenfalls ein „FREI DAY“ an der Schule implementiert werden; dabei setzen sich die Schülerinnen und Schüler an einem Unterrichtstag projektbasiert mit Themen rund um Nachhaltigkeit auseinander. Diese Idee kann begleitet werden durch die Initiative „Schule im Aufbruch“, kann aber in ähnlicher Überlegung ohne Begleitung umgesetzt werden. Jede Schule kann einmal im Monat oder im Quartal einen fächerübergreifenden Tag anbieten oder mindestens vier Stunden. Was ist dazu erforderlich? Flexible und kompetente Schulleiterinnen und Schulleiter, die diesen Freiraum unterstützen bzw. schaffen, und Lehrkräfte, die dazu Ideen haben, diese Lernräume mit Inhalt zu füllen. Es muss nicht immer ein großes Ereignis sein, es kann im kleinen Rahmen stattfinden, im Unterrichtsgeschehen, unaufgeregt, leise, effizient – vor allem nachhaltig.
Lokale Partner/Orte der Begegnung:
- NES: Start – Netzwerk Entwicklungspolitik Saarland e. V.: https://www.nes-web.de/start/
- Bildungsprogramme für Kinder/Jugendliche in Schulen: https://www.acker.co/Programme
- Weltläden im Saarland: http://www.faires-saarland.de/weltlaeden-im-saarland/
- Verbraucherzentrale Saarland: https://www.verbraucherzentrale-saarland.de/beratung-sl
- SaarLandfrauen: www.saarlandfrauen.de
- Geldlehrer e. V.: https://geldlehrer.org/, https://geldlehrer.org/karte/
- Weltveränderer e. V.: https://weltveraenderer.eu/
- Besuch des saarländischen Landtages, der Saarbrücker Synagoge oder bspw. des KZ Natzweiler-Struthof
- Zusammenarbeit mit verschiedenen Vereinen (Sport, Naturschutz, Heimkunde, Musik usw.)
Die Wege im Saarland, nach Rheinland-Pfalz, Luxemburg oder Frankreich sind kurz. „Jeder kennt jeden“ – frei nach diesem Motto kann man Synergieeffekte schaffen, mit lokalen Partern zusammenarbeiten und Effekte erzielen. Die Schülerinnen und Schüler erleben Selbstwirksamkeit. Das sollte das Ziel jedes Unterrichts sein.
Das Nachhaltigkeitsziel 1 „Keine Armut“ kann beispielsweise im Unterricht behandelt werden, indem gemeinsam gekocht, gebacken wird und dies Menschen zur Verfügung gestellt wird, von denen man weiß, dass sie ein geringes Einkommen haben. Gerade in der Winterzeit kann soziales Engagement konkret erfahrbar gemacht werden – zum Beispiel durch die Mithilfe an sogenannten Kältestellen für obdachlose Menschen. Dabei geht es nicht darum, ferne Spendenaktionen zu organisieren, sondern vor allem darum, vor Ort aktiv zu helfen und Verantwortung zu übernehmen. Dabei lernen Schülerinnen und Schüler, zu planen, einzukaufen, Budget zu kalkulieren, auszurechnen, wie viel Ziel benötigt wird, um dies zu erreichen, usw. Es können Gruppen gebildet werden: diejenigen, die für die Projektkoordination zuständig sind, die Schüler, die sich um Spenden und Geld kümmern, andere übernehmen das Marketing, diejenigen, die einkaufen und kochen, und diejenigen, die das Essen ausgeben und in das Gespräch mit Hilfsbedürftigen gehen. Wenn es dann noch Produkte sind, die aus dem Schulgarten kommen, die vor Ort auf dem Bauernhof gekauft werden, also regional angebaut werden, dann ist der Mehrwert enorm. So kann ein anderes Fach oder ein anderer Projekttag dazu dienen, den Bauernhof zu besuchen, einen Einblick in Landwirtschaft, Tierhaltung und Tierwohl zu erhalten, es kann über Ernährung gesprochen werden usw. Man pflückt im Sommer gemeinsam Erdbeeren, macht einen Ausflug und kocht später daraus Marmelade oder macht Eis. Viele Dinge werden schon gemacht, es ist sind aber oft Einzelveranstaltungen. Zudem ist es wichtig, dass eine theoretische Einbettung stattfindet, vielleicht nur später bei einer Reflexion, um die Lernenden auf gewisse Aspekte aufmerksam zu machen, ohne in irgendeiner Form bekehren zu wollen. Dabei geht es nicht darum, zu moralisieren, sondern Denkanstöße zu geben. Die Schülerinnen und Schüler sollten die Bedeutung erfassen ohne konkrete Vorgaben, bestenfalls sollte eine Art „Aha-Erlebnis“ eintreten und dazu auch das Gefühl „Ich kann selbst etwas bewirken“.
Jedes der Ziele kann in jedem Unterricht Anwendung finden und kann als Grundlage für ein Projekt genommen werden. Dies ist unabhängig von der Schulform zu sehen, ob Grundschule, weiterführende oder berufliche Schule. Je nach Altersgruppe, Klassenstufe und Lehrplan können Themen gewählt oder angepasst werden.
Unser Bildungsystem ist nur bedingt veränderbar. Wir können und müssen aber nicht immer auf die Politik warten. Die Staatengemeinschaft der Vereinten Nationen hat uns mit den Nachhaltigkeitszielen – politisch gesehen – jedoch bereits ein Fundament bzw. einen Zielpunkt geschaffen. So können wir als Lehrkräfte im Kleinen diese Vorgaben durchaus angehen und Veränderung kreieren. Bildungsangebote (siehe Liste „Ideen zur Umsetzung“) gibt es dazu genug, Kreativität und ein bisschen Mut, im System etwas anderes zu schaffen, sind erforderlich. Dies ist Teil einer Demokratieförderung. Die Partizipation, die die jungen Erwachsenen lernen, ist genau das, was Demokratie ausmacht: Die Bevölkerung fühlt sich als Teil, kann etwas bewegen, das Tun hat Effekte für meine Mitmenschen, und dort, wo Verständnis und Verständigung vorliegen, haben Hass und Hetze weniger Platz.
Fangen wir doch einfach an, selbst etwas zu tun und zu wirken.
| Nachhaltigkeitsziel | Fach/Fächerübergreifend | Schulform | Thema | Ort |
|---|---|---|---|---|
| 6, 14, 15 | Sachkunde, Mathematik | Grundschule | Abfall, Müll
Die Schülerinnen und Schüler erlernen den Umgang mit Abfall und Müll. Es gibt ganz viele Seiten, die Anregungen zu diesen Themen bieten. Man kann „kleine Müll-/Abfalldetektive“ ausbilden oder einen anderen Namen wählen. Spielerisch werden die Kinder an das Thema herangeführt. |
Online verfügbar: z. B. https://www.kindermeer.de/museum-ausstellung/ozeaneum,
https://bundesverband- |
| 6, 7, 12, 13, 15 | MINT-Fächer | Gym. / Gem.,
ab Klasse 9 |
Mysterys zu den Themen Wald, Wasser und versteckte Energie
Das Team des Biosphärenreservats Pfälzerwald hat zusammen mit Partnerinnen und Partnern in drei interdisziplinären Arbeitsgruppen sogenannte Mysterys zu den Themen Wald, Wasser und versteckte Energie entwickelt. Bei der Mystery-Methode sollen die SuS in in Kleingruppen kurze und ungeordnete Informationen zu einem Fallbeispiel analysieren und sinnvoll miteinander in Beziehung setzen. Sie sollen somit eine rätselhafte Leitfrage lösen. |
Online verfügbar: z. B.
https://www.pfaelzerwald.de/projekte/mintn-region-biosphaerenreservat-pfaelzerwald/ |
| 8, 10, 12 | Politik/ Wirtschafts- und Sozialkunde | Berufsschule | Einladen von Studierenden aus Ländern des globalen Südens, die nachhaltige Themen wie „Fairer Rohstoffexport aus den Ländern des globalen Südens“ oder „Fairtrade im Einzelhandel“ im Unterricht behandeln
Das Projekt „Grenzenlos – Globales Lernen in der beruflichen Bildung“ des World University Service (WUS) bringt Studierenden aus Afrika, Asien und Lateinamerika Themen des globalen Lernens in die Klassenzimmer der beruflichen Schulen (auch durch die UNESCO und das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2019 ausgezeichnet). |
Studierende kommen in die Schule
Kontakt über: https://www.globaleslernen.de/de/schulentwicklung/ |

Die Autorin
Dr. Julia Günther ist Oberstudienrätin an einem Berufsbildungszentrum in Saarbrücken und unterrichtet die Fächer Deutsch und Politik bzw. Wirtschafts- und Sozialkunde. Neben ihrer Unterrichtstätigkeit ist sie stellvertretende Landesfachberaterin sowie Fachleiterin für Wirtschafts- und Sozialkunde im Bereich der beruflichen Schulen im Saarland. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Konzeption und Durchführung von Lehrerfortbildungen mit dem Fokus auf „Demokratieförderung und Demokratiepädagogik“, „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“, „Mündigkeit als Bildungsziel“ und „Kommunikation“.
Aktuelle Fortbildung mit dem Titel„Nachhaltigkeitsziele als Kompass für demokratisches und mündiges Denken“ unter: www.saarland.de/bildungscampus, Veranstaltungssuche: https://tnv.lpm-saarland.de/events/
Literaturverzeichnis
Dewey, John (1980): Democracy and Education. The Middle Works, 1899–1924, Volume 9: 1916. Hrsg. von: Boydston, J. / Baysinger, P. / Levine, B. Southern Illinois University Press. London and Amsterdam.
Knoll, Michael (2018): Anders als gedacht. John Deweys Erziehung zur Demokratie. In: Zeitschrift für Pädagogik 64, 5, S. 700–718. DOI: 10.25656/01:22170 [Abruf am 26.07.2025].
Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs). URL: https://www.bra.nrw.de/system/files/2021-01/ziele_g.png [Abruf am 31.07.2025].
Schulen im Aufbruch – „Frei Day“. URL: https://frei-day.org/ueber-uns/schule-im-aufbruch/ [Abruf am 31.07.2025].
Vojta, Sarah/DPA/DIE ZEIT (2025, 28. Juli): Pisa-Chef kritisiert Umgang mit Schülern mit Migrationshintergrund. URL: https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2025-07/pisa-test-deutschland-maengel [Abruf am 06.08.2025].
