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Emotionen als Lehrkraft nutzen
13. Juli 2026

Prüfungsangst verstehen – und im Unterricht produktiv nutzen: Ein Ratgeber, nicht nur für Referendare

 

Ein Ratgeber, nicht nur für Referendare

Herzklopfen, Unsicherheit, Angst aufgrund des Gefühls, bewertet zu werden – solche Empfindungen gehören zum Alltag der meisten Schülerinnen und Schüler. Und das haben sie mit Referendaren gemeinsam: Denn auch im Vorbereitungsdienst gehören Prüfungsdruck, das nahezu ständig drohende Damoklesschwert Unterrichtsbesuch und permanente Bewertungssituationen zum Alltag, ohne dass es so recht Routine werden will. Wie soll ich aber Schülern Ängste nehmen, die bei mir selbst wirksam sind? Tatsächlich bietet sich hier eine besondere Chance: Wer eigene Erfahrungen reflektiert, kann Prüfungsangst im Klassenzimmer besser verstehen – und gezielt in Lernenergie verwandeln.

Zwischen eigener Erfahrung und professioneller Rolle

Wenn Sie im Referendariat stehen, kennen Sie das vermutlich sehr gut: Die Spannung vor einem Unterrichtsbesuch, das Gefühl, beobachtet zu werden, die Frage im Hinterkopf „Ist alles gut genug?“, die schnell grundsätzlich wird: „Bin ich gut genug?“. Diese Form von Leistungsdruck ist von ihren Mechanismen her vergleichbar mit dem, was viele Schülerinnen und Schüler in Prüfungssituationen auch erleben.

Der entscheidende Unterschied: Sie verfügen über die menschliche Reife und die professionelle Qualität, damit umzugehen – beziehungsweise erarbeiten sie sich im Rahmen der Lehrerausbildung. Vor meinem ersten Unterrichtsbesuch im Fach Latein hörte ich die Horrorszenarien, was alles schiefgehen könne, wie garstig Fachleiter seien, und wenn ich die Nacht vorher schlafen würde, hätte ich mich nicht gut vorbereitet, weil ich diese Zeit zwingend bräuchte, so viel sei das. Erst danach, mit den eigenen Erfahrungen im Gepäck, gelang es mir, alles in einem realistischen Licht zu betrachten und die entsprechenden Konsequenzen in der Vorbereitung zu ziehen, ohne dass damit Unsicherheit und Ängste komplett beseitigt worden wären.

Emotionen sind kein Störfaktor – sondern Teil des Lernens

Das geht auch nicht. Ängste gehören zu den ursprünglichsten Emotionen des Menschen. Folglich ist Prüfungsangst kein Randphänomen, sondern Alltag – vor allem im Klassenzimmer. Und jeder Mensch geht anders damit um: Während einige Lernende mit einer gewissen Anspannung sogar besser arbeiten, geraten andere schnell in eine Blockade: Das Gelernte scheint plötzlich nicht mehr abrufbar, obwohl es eigentlich vorhanden ist. Als angehende Lehrkraft stehen Sie damit vor einer doppelten Aufgabe: Sie vermitteln Inhalte – und Sie begleiten emotionale Prozesse.

Gerade zu Beginn ihrer Laufbahn neigen Referendare dazu, Unterricht stark inhaltlich zu denken: Stoff, Methoden, Zeitplanung. Doch Lernen ist immer auch emotional geprägt.

„Angst“ ist dabei nicht per se negativ. Was bei uns als das Gefühl „Angst“ ankommt, entspricht neurobiologisch einer erhöhten Aktivierung des autonomen Nervensystems sowie einer vermehrten Ausschüttung von Neuro­transmittern und Stresshormonen – insbesondere Noradrenalin, Dopamin und Cortisol. Diese Prozesse versetzen Körper und Geist in einen Zustand erhöhter Wachsamkeit („Habacht­stellung“) und steigern kurzfristig Aufmerksamkeit, Reaktionsbereitschaft und kognitive Leistungsfähigkeit. In der Psychologie spricht man hier von „Eustress“, also leistungsförderndem Stress. Er sorgt dafür, dass das Gehirn fokussiert arbeitet.

Problematisch wird es erst dann, wenn aus Aktivierung Überforderung wird. Wenn zu viele dieser Transmitter im Körper unterwegs sind, weil Schülerinnen und Schüler Prüfungen als Bedrohung erleben. Dann schaltet das System in einen Zustand, der Lernen eher blockiert als unterstützt.

Für Sie als Lehrkraft oder Referendar bedeutet das: Sie müssen nicht jede Nervosität „wegnehmen“. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, den Umgang damit zu strukturieren.

Sicherheit durch Struktur

Unsicherheit entsteht häufig dort, wo Orientierung fehlt. Das gilt für Sie im Referendariat genauso wie für Ihre Schülerinnen und Schüler. Wo ich auf Vermutungen angewiesen bin, da finden auch die absurdesten Schauermärchen Gehör und hinterlassen Wirkung. Wer hatte noch keine Prüfung, wo es im Vorfeld hieß, dieser oder jene Prüfer habe Freude daran, einen durchfallen zu lassen? Und vergessen wir nicht, Kinder sind phantasiereich, das klappt auch beim Ausmalen von schlimmen Dingen, die in einer Klassenarbeit passieren können.

Eine der wirksamsten Maßnahmen gegen Prüfungsangst ist deshalb Transparenz.

 

 

Wenn Lernende wissen,

  • was auf sie zukommt,
  • wie bewertet wird
  • und wie sie sich vorbereiten können,

nimmt das einen erheblichen Teil des Drucks heraus. Ganz konkret heißt das im Unterricht:

  • Klare Lernziele formulieren:
    Was sollen die Schülerinnen und Schüler am Ende wirklich können?
  • Den Weg sichtbar machen:
    Welche Schritte führen dorthin?
  • Erwartungen offenlegen: Wie sieht eine gute Leistung konkret aus?

Diese Klarheit hilft nicht nur den Lernenden, sondern auch Ihnen selbst. Gerade im Referendariat erleben viele, wie entlastend es ist, eine Unterrichtsreihe vom Ende her zu denken.

Wenn ich nämlich weiß, wo ich hinwill, kann ich auch vom vorgedachten Weg abweichen – denn nicht nur nach Rom führen viele Wege.

Routine schafft Sicherheit: Bevor es ernst wird

Ein besonders wirksamer, oft unterschätzter Ansatz ist das gezielte Trainieren von Prüfungssituationen.

Viele Ängste entstehen nicht durch den Inhalt, sondern durch die Situation selbst: Zeitdruck, Stille, das Gefühl, „liefern zu müssen“. Je vertrauter diese Situation ist, desto geringer wird ihre Bedrohlichkeit.

Sie können das im Unterricht relativ einfach umsetzen:

  • kurze, realistische Übungsformate,
  • klare Zeitvorgaben,
  • verbindliche Stillarbeitsphasen ohne Hilfsmittel.

Wichtig dabei: Der Fokus liegt nicht auf der Note, sondern auf der Erfahrung.

Eine Möglichkeit ist, solche Übungsformate als Hausaufgabe anzulegen – mit klaren Anweisungen und einer Dokumentation des Versuchsaufbaus „Prüfungssimulation“. Anschließend kann die Auswertung gemeinschaftlich erfolgen, etwa durch Partnerkorrektur oder Vergleich mit einer Musterlösung.

Das entlastet Sie und stärkt gleichzeitig die Selbstständigkeit der Lernenden. Je nach Bedürfnissen der Lerngruppe kann es auch hilfreich sein, genau solche Trainingsphasen als solche zu reflektieren, Empfindungen zu thematisieren.

Geheimtipp: Konzipieren Sie gleich zwei von Stil und Aufgabenarten her identische Klassenarbeiten, von denen eine proportional gekürzt wurde. Die gekürzte geben Sie als Übung in den Unterricht, unter Klassenarbeitsbedingungen, mit anschließender Besprechung. So erhalten Schüler ein Gefühl dafür, was in etwa passieren wird – und ganz nebenbei haben Sie eine konkrete Rückmeldung, ob das, was Sie sich überlegt hatten, für die Lerngruppe geeignet ist.

Mentale Strategien

Ein zentraler Ansatzpunkt liegt in der Haltung, mit der ich an das Phänomen „Prüfung“ herangehe. Nüchtern betrachtet wird der aktuelle Leistungsstand überprüft. Vielen Menschen fällt es allerdings schwer, zwischen der eigenen Person und dem Lernindividuum zu differenzieren. Die anstehende Klassenarbeit dokumentiert demnach nicht, welche Kompetenzen im Rahmen der letzten Unterrichtsreihe erworben wurden, sondern fällt ein Urteil über die Person: „Bin ich gut oder schlecht?“ Diese Sichtweise erzeugt enormen Druck – und führt oft genau zu den Blockaden, die Sie im Unterricht beobachten.

Das muss nicht sein. Prüfungen lassen sich als Entwicklungsinstrument einführen: als Momentaufnahme, nicht als Urteil. Das klingt zunächst banal, entfaltet aber Wirkung, wenn es konsequent im Unterricht gelebt wird.

Gerade im Referendariat bietet sich hier eine große Chance: Sie gestalten Ihre Lerngruppen häufig neu und können von Anfang an solche Perspektiven etablieren. Ganz nebenbei können Sie natürlich mit dem Bewusstsein, dass Sie selbst sich in einer ähnlichen Situation befinden, eigene Bedenken deckeln und aus der wachsenden Zuversicht der Lerngruppe wiederum eigene Kraft schöpfen.

Prüfungsangst entsteht im Kopf

Gedanken wie „Ich kann das nicht“ oder „Ich werde versagen“ wirken wie ein Verstärker für Stress. Und keineswegs sind solche Denkschemata auf Kinder beschränkt, die ums Bestehen kämpfen. Gerade leistungsorientierte Schülerinnen und Schüler neigen vermehrt zu solchen inneren Dialogen, vor allem, wenn der Korridor des „Erfolgreichseins“ immer kleiner wird, sodass alles unterhalb einer „Eins“ als Versagen gewertet wird.

Hier können Sie als Lehrkraft Impulse setzen.

Eine zentrale Technik ist das sogenannte „Reframing“ – also das bewusste Umdeuten von Gedanken.

Statt „Ich schaffe das nicht“ → „Ich habe mich vorbereitet und arbeite Schritt für Schritt.“

Das wirkt auf den ersten Blick simpel, ist aber neurologisch relevant: Der Fokus verschiebt sich von (passivem) Bedrohtsein auf (aktives) Handeln.

Sie können solche Strategien im Unterricht modellieren, z. B. durch

  • das Bewusstmachen von Formulierungen, die einen Misserfolg suggerieren: „Ich kann das halt nicht …“,
  • gemeinsames Formulieren hilfreicher Gedanken: „Ich kann das noch nicht, weil mir x fehlt, und das eigne ich mir an“,
  • Reflexion nach Übungssituationen,
  • kurze mentale Einstiegsrituale vor Tests.

 

 

Körperliche Regulation: Einfach, aber wirkungsvoll

Neben kognitiven Strategien spielen körperliche Prozesse eine zentrale Rolle. Angst zeigt sich immer auch physisch: schneller Puls, flache Atmung, Anspannung. Insbesondere jüngere Schülergruppen neigen dazu, sich gegenseitig mit Nervosität anzustecken, sich hochzuschaukeln, sodass die Klasse erst einmal Minuten braucht, um überhaupt wieder in „Prüfungs-Mood“ zu kommen.

Hier helfen einfache Techniken, die Sie problemlos in den Unterricht integrieren können – die gegenseitige Wechselwirkung funktioniert nämlich auch zum Positiven. Und es sind genau solche Rituale, die sich vor allem bei jüngeren Schülern einprägen und bis in das Erwachsenenleben nachwirken können.

Eine diesbezüglich bewährte Methode ist folgende Atemübung:

  • 4 Sekunden einatmen
  • 7 Sekunden halten
  • 8 Sekunden ausatmen

Diese Form der Atmung signalisiert dem Nervensystem Sicherheit und reduziert die Stressreaktion. Am besten, ich zeige dabei eine Uhr, wo die Sekunden sichtbar verlaufen. Dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler sich bewusst auf den zeitlichen Ablauf konzentrieren, werden ablenkende Horrorgedanken verdrängt, und es besteht die Chance, die Prüfung ohne Negativ-Brille anzugehen.

Gerade für Sie als Referendar ist das doppelt relevant: Sie können solche Techniken nicht nur vermitteln, sondern auch selbst nutzen – etwa vor Unterrichtsbesuchen.

Fehler neu denken

Ein besonders sensibler Punkt im Umgang mit Prüfungsangst ist die Fehlerkultur. Viele Schülerinnen und Schüler erleben Fehler als persönlichen Misserfolg. Die Fehlerfreiheit ist das Ideal, folglich ist ein Fehler etwas geradezu Feindliches. Bedauerlicherweise gibt es auch pädagogische Richtungen, die Schülern jegliches Erleben von Misserfolgen ersparen wollen. Aber das verhindert, dass Kinder Resilienz entwickeln, dass sie erleben, es ist völlig normal, etwas nicht (sofort) hinzubekommen. Und es beraubt sie des wunderbaren Gefühls: „Ja, jetzt habe ich es geschafft!“ Fehler und Misserfolge werden dagegen geradezu dämonisiert.

Das führt dazu, dass ängstlich jedes Risiko vermieden wird – und damit auch Lernchancen: Denn Fehler sind die besten Lehrmeister – wenn ich sie eben nicht als Gegner sehe, sondern als Hinweis, wo ich mich „noch mehr“ verbessern kann.

Hier haben Sie als angehende Lehrkraft einen entscheidenden Einfluss.

Eine positive Fehlerkultur bedeutet nicht, Fehler zu relativieren, sondern sie funktional zu nutzen:

  • Was genau ist schiefgelaufen? Bis wohin verstehst du, ab wann nicht mehr?
  • Was lässt sich daraus ableiten?
  • Wie kann es beim nächsten Mal besser gelingen?

Wenn Fehler im Unterricht sichtbar analysiert werden dürfen, ohne negativ bewertet zu werden, verändert sich die Lernhaltung nachhaltig. Es ließe sich je nach Kontext sogar daran denken, sinnvoll korrigierte Fehler punktuell ähnlich gut zu bewerten wie eine sofort richtige Lösung.

Gerade im Referendariat ist das eine Herausforderung – weil man selbst unter Beobachtung steht oder sich oft genug unter Beobachtung fühlt. Umso wichtiger ist es, bewusst Räume zu schaffen, in denen der Wert des Lernens Vorrang hat vor klinischer Korrektheit.

Warum empfiehlt es sich nicht, immer den Überflieger die Hausaufgaben vorlesen zu lassen? Eben WEIL er oder sie es immer korrekt haben wird, der Lerneffekt aber höher ist, wenn ein Fehler präsentiert wird, den ein Drittel der Klasse wohl auch gemacht hat.

Vielleicht stellen Sie im Laufe Ihres Referendariats fest, dass Unterricht weniger planbar ist, als es zunächst scheint. Inhalte lassen sich strukturieren – emotionale Prozesse nicht immer. Als Ausbildungskoordinator habe ich erlebt, dass die Unterrichtsentwürfe an komplette Vorgaben für Theaterstücke erinnerten. In meinen ersten Unterrichtsplanungen habe ich ganze Dialoge mit Schülern vorgeskriptet, was ich sagen würde, wenn dieses oder jenes gefragt werden würde. Natürlich habe ich nie auch nur ein Wort davon anwenden können.

Genau hier liegt jedoch die professionelle Entwicklung. Sie begleiten Lernende nicht nur fachlich, sondern auch in ihrer Haltung zu Leistung, Fehlern und Herausforderungen.

Ihre eigene Erfahrung mit Drucksituationen ist dabei kein Nachteil – im Gegenteil. Sie ist eine Ressource.

Wenn Sie verstehen, wie Sie selbst mit Unsicherheit umgehen, können Sie diese Kompetenz weitergeben, und im Erleben, welche Techniken im Klassenverband helfen, selbst Sicherheit gewinnen.

Prüfungsangst als Lernchance

Prüfungsangst und Unsicherheit lassen sich nicht komplett verhindern – weder bei Schülerinnen und Schülern noch im Referendariat. Aber niemand ist ihnen hilflos ausgeliefert.

Durch

  • klare Strukturen,
  • realistische Übungssituationen,
  • mentale Strategien
  • und eine tragfähige Fehlerkultur

kann aus Angst eine Form von Energie werden, die Lernen unterstützt.

Für Sie als Referendarinnen und Referendare bedeutet das: Sie entwickeln nicht nur Unterricht – Sie entwickeln auch Lernhaltungen.

Und darin liegt langfristig Ihre größte Wirkung.

 

Der Autor

Dr. Stefan Schrumpf
Dr. Stefan Schrumpf, promovierter Historiker, ehemaliger Universitätsdozent und Gymnasiallehrer, ist heute ein erfolgreicher Lerncoach. Mit seinen bewährten Strategien unterstützt er Menschen aller Altersklassen dabei, erlernte Inhalte mühelos und gezielt abzurufen. Dr. Schrumpf hat sich darauf spezialisiert, Potenziale aufzudecken, zu entfalten und zu stärken.

www.lerndoktor.de • info@lerndoktor.de

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