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Bildung braucht mehr als Schule
22. September 2026

Bildung ist wichtig, betonen Politikerinnen und Politiker gern in Sonntagsreden. Doch vielerorts schließen Kommunen Bibliotheken, Schwimmbäder oder Jugendtreffs – also genau jene Orte, an denen Bildung, Begegnung und Teilhabe im Alltag stattfinden. Im saarländischen Lebach passiert das gerade. Engagierte Bürgerinnen und Bürger wollen das nicht hinnehmen. Ihr Einsatz wirft eine grundsätzliche Frage auf: Was sagt es über unser Bildungssystem aus, wenn immer mehr Menschen ihre Freizeit investieren müssen, damit Kinder lesen lernen und gefördert werden können?

Wenn ein Bildungsort verschwindet

Die Kleinstadt Lebach mitten im Saarland bezeichnet sich selbst als „Schulstadt“. Mehrere Schulen prägen das Leben der Kommune und bringen täglich Tausende Schülerinnen und Schüler in die Stadt. Gleichzeitig verschwinden jedoch immer mehr Bildungs- und Kulturangebote. Der Lebacher Verein Netzwerk Leselust e.V. will das nicht hinnehmen. Sein Einsatz steht exemplarisch für viele Menschen, die die Kluft zwischen politischen Bekenntnissen zur Bildung und der Realität vor Ort nicht länger akzeptieren wollen.

„Wir leben auf dem Land. Früher gab es hier mal 36 Kneipen und Cafés, jetzt haben wir noch zwei. Es fehlen Orte, an denen man sich unkompliziert trifft“, sagt Michael Dewes, Vorsitzender des Vereins. In einigen Monaten wird ein weiterer Ort wegfallen, der zum sozialen und kulturellen Kapital von Lebach zählt: die Stadtbibliothek.

Eine Stadtbibliothek klingt auf den ersten Blick vielleicht etwas verstaubt. Dabei sind Bibliotheken heute weit mehr als Orte der Ausleihe. Sie gehören zu den wenigen öffentlichen Orten, an denen Kinder ebenso wie Erwachsene willkommen sind, ohne etwas kaufen zu müssen. Hier können sie Hausaufgaben machen, lesen, lernen, spielen oder einfach Zeit verbringen. Gerade für Kinder und Familien, die wenig Geld haben oder zu Hause kaum Bücher besitzen, eröffnet die Bibliothek einen Zugang zu Wissen, der sonst fehlt. Viele Bibliotheken bieten inzwischen außerdem Makerspaces, Medienwerkstätten, Lesenächte oder Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren an.

Offiziell begründet die Stadt die Schließung mit ihrer angespannten Finanzlage. Seit dem Pfingsthochwasser 2024 belasten millionenschwere Wiederaufbaukosten den Haushalt. Hinzu kommt ein Rückgang der Ausleihzahlen.

Andere Kommunen zeigten, dass moderne Bibliotheken wieder zu lebendigen Treffpunkten werden können. Deshalb hat Michael Dewes ein Konzept entwickelt und bewirbt sich nun um Fördermittel. Nach seinen Berechnungen würden rund 120.000 Euro ausreichen, um den Betrieb zunächst zu sichern.

26 % der 15-Jährigen liegen laut PISA unter dem Mindestniveau.

Lesen braucht Orte

Michael Dewes arbeitet hauptberuflich als Intensivpfleger und engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich für die Lese- und Schreibförderung. „Ich habe mich intensiv damit beschäftigt, wie hilfreich Schreiben sein kann – etwa wenn kranke Menschen und deren Angehörige in schwierigen Lebenssituationen ihre Erfahrungen aufschreiben“, erzählt er. Seine Frau arbeitet als Buchhändlerin. Gemeinsam beobachten sie seit Jahren, dass viele Kinder immer größere Schwierigkeiten beim Lesen haben.

Auch wissenschaftliche Studien bestätigen diesen Eindruck. Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) zeigt seit Jahren einen deutlichen Rückgang der Lesekompetenz. Mittlerweile erreicht rund jedes vierte Grundschulkind nicht den Mindeststandard, der für den erfolgreichen Übergang zum „Lesen, um zu lernen“ erforderlich ist. Gleichzeitig sinkt auch der Anteil besonders guter Leserinnen und Leser.

Ähnlich alarmierend fallen die Ergebnisse der PISA-Studie aus: Deutsche 15-Jährige erzielten 2022 die schlechtesten Lesewerte seit Beginn der Erhebungen.

Die wissenschaftliche Leiterin der deutschen IGLU-Studie 2021, Prof. Dr. Nele McElvany, bringt die Bedeutung auf den Punkt: „Lesekompetenz ist die zentrale Grundlage für das gesamte schulische sowie außerschulische Lernen, die ge-sell-schaftliche Teilhabe und den weiteren Lebensweg der Schülerinnen und Schüler.“

Kinder aus Familien mit wenigen Büchern profitieren besonders stark von Bibliotheken.

Sie verweist zugleich auf die anhaltende Bildungsungleichheit: „Das hat hohe Kosten für die betroffenen Individuen sowie für unsere Gesellschaft und unser Land und darf nicht weiterhin so bleiben.“

Aus dieser Beobachtung heraus gründeten interessierte Lebacher Bürger 2023 den Verein NetzwerkLeselust. Zunächst organisierten sie Vorleseaktionen in Kitas und Schulen sowie der Volkshochschule in Lebach. Was mit etwa 100 Kindern am Bundesweiten Vorlesetag 2023 begann, fand seinen bisherigen Höhepunkt mit über 390 Kindern beim Welttag des Buches 2026. Rund 20 Erwachsene sowie zehn ältere Schülerinnen engagieren sich inzwischen ehrenamtlich. Entsprechend dem Curriculum des Bundesverband Leseförderung bietet der Verein gemeinsam mit der VHS außerdem Fortbildungen im Bereich der Leseförderung für Ehrenamtliche und für pädagogische Fachkräfte an.

Besonders beliebt seien die Vorlesestunden mit Jugendlichen. „Wenn Jugendliche vorlesen, finden die Kinder das oft noch spannender als bei Erwachsenen.“ sagt Michael Dewes.

Damit ergänzt der Verein den Unterricht dort, wo Schule allein an ihre Grenzen stößt. Bibliotheken könnten diese Arbeit zusätzlich unterstützen.

Bibliotheken sind Bildungsorte

Eine Studie aus New York („Why invest in libraries?“) untersucht die Bedeutung von Bibliotheken und physisch vorhandenen Büchern für den Bildungserfolg. Die Ergebnisse zeigen: Freiwilliges Lesen wie in der Bibliothek hat einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der Lese- und Schreibkompetenz.

Besonders Kinder aus Familien mit wenigen Büchern profitieren von gut ausgestatteten Bibliotheken. Sie schaffen einen niedrigschwelligen Zugang zu Sprache, Wissen und Kultur und können Bildungsunterschiede ausgleichen. Bibliotheken sind deshalb Lernorte, Treffpunkte und kulturelle Zentren zugleich.

Sprachwissenschaftler Stephen Krashen betont in der oben genannten Studie sogar: Der gezielte Ausbau von Bibliotheken ist das wirksamste Mittel, um die negativen Auswirkungen von Armut auf den schulischen Erfolg zu neutralisieren. Ein guter Zugang zu Büchern kann die Leistungsunterschiede zwischen verschiedenen sozialen Schichten fast vollständig ausgleichen.

Britta Magenreuter , stellvertretende Vorsitzende des SLLV, sieht das ähnlich: „In Bibliotheken findet man Bücher zum Ausleihen, Raum zum Lesen, gleichgesinnte Kinder, Personal, das auf die Lesewünsche und Interessen der Kinder eingehen kann – und das alles kostenlos, nie-drigschwellig und meist in einer angenehmen Atmosphäre. Über das Lesen lernen Kinder nicht nur neue Welten kennen. Sie können in ihrer Kreativität gefördert werden und lernen, sich zu konzentrieren und logisch zu denken.

Was vielleicht ebenso wichtig im schulischen Kontext ist: Kinder lernen wieder, empathisch zu sein. Durch das Lesen lernen sie, sich in andere Charaktere zu versetzen, leiden mit ihnen, sind wütend auf sie oder lachen und weinen mit ihnen. Auch diese Tatsache hilft und im Kontext Schule, wo wir gerade in den letzten Jahren den Eindruck haben, dass die Empathie-Fähigkeit vieler Kinder verloren geht. Mein Fazit: Bibliotheken sind wunderbare Einrichtungen, in denen Kinder nicht nur lesen können, sondern mittlerweile auch spielen und hören. Wo einfach viele Sinne angesprochen werden, die für uns als Schule von großem Wert sind.“

25 % der Viertklässler erreichen den Mindeststandard beim Lesen nicht.

Auch Michael Dewes hat diese Vision der Lebacher Bücherei. Sie soll nicht nur Bücher verleihen, sondern ein offener Treffpunkt für alle Generationen werden. Menschen sollen dort lesen, arbeiten, miteinander ins Gespräch kommen oder einfach einen Kaffee trinken können. Regelmäßige Vorleseaktionen, Veranstaltungen und Workshops sollen dafür sorgen, dass die Bibliothek dauerhaft lebendig bleibt.

Lebach ist kein Einzelfall

Lebach ist kein Einzelfall. Im gesamten Saarland übernehmen Ehrenamtliche immer häufiger Aufgaben, die früher selbstverständlich zum öffentlichen Bildungsangebot gehörten. Seit 2015 begleiten die Lernpaten Saar Grundschulkinder beim Lernen, unterstützen sie bei den Hausaufgaben und stärken ihre Sprachkompetenz. Die Lese- und Schreibwerkstatt in Nalbach im Landkreis Saarlouis möchte Kinder und Jugendliche für Bücher begeistern. Die Diakonie Saar vermittelt Ehrenamtliche für Hausaufgabenhilfe und Sprachförderung.

Gemeinsam zeigen diese Initiativen, wie groß die Bereitschaft zum Engagement ist – aber auch, welche Lücken inzwischen geschlossen werden müssen.

Die Entwicklung ist kein saarländisches Problem. Deutschlandweit kämpfen Kommunen mit knappen Haushalten. Bibliotheken schließen, Öffnungszeiten werden reduziert oder Stellen nicht nachbesetzt. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Auftrag von Schulen. Sie sollen heute Sprachförderung, Demokratiebildung, Medienbildung, Leseförderung und kulturelle Bildung leisten – häufig unter schwierigen personellen Bedingungen.

Außerschulische Bildungsorte können Schulen dabei unterstützen. Sie schaffen Räume, in denen Kinder freiwillig weiterlesen, experimentieren, Fragen stellen oder neue Interessen entwickeln können. Gerade für Schülerinnen und Schüler, die zu Hause weniger Zugang zu Büchern, digitalen Geräten oder kulturellen Angeboten haben, können diese Orte entscheidend sein.

Andersherum gilt: Werden diese Strukturen ausgedünnt, landet noch mehr Verantwortung im Klassenzimmer.

Wenn Ehrenamt zur Bildungssäule wird

Und was sagt es nun über unser Bildungssystem aus, wenn immer mehr Menschen ihre Freizeit investieren, damit Kinder lesen, lernen und gefördert werden können?

Einerseits zeigt es eine große Stärke unserer Gesellschaft: Menschen übernehmen Verantwortung und wollen ihr Umfeld aktiv mitgestalten. Davon ist auch Michael Dewes überzeugt.

„Wir tragen alle Verantwortung dafür, dass Kinder gute Bildung erhalten. Gleichzeitig erleben Ehrenamtliche unmittelbar, dass sie etwas bewirken können. Außerdem kommen Menschen miteinander ins Gespräch, die sich sonst nie begegnen würden.“

Freiwilliges Lesen zählt laut Forschung zu den wichtigsten Faktoren für Lesekompetenz.

In seiner Vision ist die Bibliothek deshalb weit mehr als ein Ort zum Ausleihen von Büchern. Sie soll Menschen zusammenbringen – ähnlich wie die Kirmes im Lebacher Ortsteil Niedersaubach. „Da gibt es nur ein Kettenkarussell, eine Hüpfburg und eine Wurstbude. Trotzdem verbringen viele Familien dort den ganzen Tag, weil sie sich begegnen können.“

Genau diese Begegnungen fehlen vielerorts. Öffentliche Bildungsorte sind nicht nur Räume für Wissenserwerb, sondern auch Orte des sozialen Miteinanders.

Ehrenamt ersetzt keine öffentliche Verantwortung

Britta Magenreuter betont: „Obwohl Politiker nicht müde werden, immer wieder zu behaupten, Kinder seien unser höchstes Gut und deren Bildung habe oberste Priorität, sieht die Wirklichkeit leider ganz anders aus. Das sehen wir vor allem im Bereich Schule, wo an allen Enden gespart wird (zu große Klassen, zu wenig Lehrpersonal, zu wenig Zeit, …). Also brauchen wir Ehrenamtliche für eine funktionierende Bildung. Sie sind eine Stütze im deutschen Bildungssystem. Man findet sie sowohl im sportlichen Bereich (Trainer*innen) oder im kulturellen Bereich (Tanz/Gesang), in Schulen (Lesepaten, Lerncoaches, Hausaufgaben-Omas oder -Opas …), in der Nachmittagsbetreuung (Oasen, Mittagessenausgabe, Lernhilfe …), aber natürlich auch in Büchereien. Hätten wir die Ehrenamtlichen nicht, sähe unsere Bildungslandschaft noch viel schlechter aus, als sie es ohnehin schon ist. Dass es immer noch viele Menschen gibt, die sich im Ehrenamt um Bildung kümmern, ist ein Geschenk. Man kann nur hoffen, dass auch unsere Politik diesen Schatz als solchen erkennt und die Vorteile des Ehrenamts nicht immer weiter beschneidet.“

Ehrenamt war lange die Kür. Freiwillige organisierten zusätzliche Angebote, während die öffentliche Infrastruktur gesichert war. Heute scheint sich dieses Verhältnis teilweise umzukehren. Immer häufiger entstehen Initiativen dort, wo Kommunen Angebote abbauen müssen.

Das Engagement ist damit unverzichtbar – und gerät gleichzeitig unter Druck. Denn auch Ehrenamtliche haben begrenzte Zeit und Ressourcen.

Ehrenamt kann öffentliche Bildungsangebote bereichern. Es kann neue Ideen anstoßen, Gemeinschaft schaffen und Menschen zusammenbringen. Dauerhaft ersetzen kann es staatliche Verantwortung jedoch nicht.

Denn wo Bildungs- und Kulturangebote vom Engagement Einzelner abhängen, entstehen zwangsläufig Unterschiede. Während finanz-stär– kere Kommunen häufig leichter Unterstützerinnen und Unterstützer finden, fällt dies strukturschwächeren Regionen schwerer.

Bildung darf jedoch nicht davon abhängen, in welcher Kommune ein Kind aufwächst oder ob sich zufällig engagierte Menschen finden. Sie braucht verlässliche Strukturen – und Menschen, die diese Strukturen mit Leben füllen.

Nina Braun

 

Leseförderung gemeinsam gestalten – so können Schulen Ehrenamt einbinden

Leseförderung muss nicht allein Aufgabe der Schule sein. Viele Schulen arbeiten bereits erfolgreich mit Ehrenamtlichen, Bibliotheken und Vereinen zusammen. Diese Möglichkeiten bieten sich an:

Vorlesepatinnen und Vorlesepaten gewinnen

Regelmäßige Vorlesestunden schaffen Lesevorbilder und wecken Freude an Geschichten – besonders in der Grundschule.

Lesebuddys einsetzen

Ältere Schülerinnen und Schüler lesen regelmäßig mit jüngeren Kindern. Beide Seiten profitieren: Die Jüngeren gewinnen Sicherheit, die Älteren übernehmen Verantwortung.

Bibliotheken als Lernpartner nutzen

Klassenführungen, Autorenlesungen, Medienrallyes oder Bibliotheksausweise helfen Kindern, Bücher selbstverständlich in ihren Alltag einzubeziehen.

Eltern einbeziehen

Schon zehn Minuten gemeinsames Lesen oder Vorlesen am Tag können die Sprach- und Lesekompetenz nachhaltig fördern. Schulen können Eltern dafür einfache Anregungen und Buchtipps an die Hand geben.

Kooperationen vor Ort aufbauen

Vereine, Stiftungen, Buchhandlungen oder Initiativen wie Vorlesegruppen verfügen oft über Erfahrungen und Angebote, die Schulen ergänzen können.

Lesen erlebbar machen

Lesenächte, Buchvorstellungen, Vorlesewettbewerbe oder Begegnungen mit Autorinnen und Autoren zeigen Kindern, dass Lesen mehr ist als eine schulische Pflicht – nämlich ein Schlüssel zu neuen Welten.

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